ABDRUCK • Der Abdruck ist eine Technik mit langer Vergangenheit – seit der Menschwerdung wurde er bewusst als ein Verfahren verwendet. Die Frottage als ein Abdruckverfahren wird ebenfalls seit Jahrtausenden benutzt und ist eine einfache und ursprüngliche Technik. Genau dieses Direkte und Unmittelbare an der Frottage und am Abdruck im Allgemeinen reizt mich.


• Der Abdruck ist geheimnisvoll. Der Betrachter meiner Bilder weiß, dass eine Papierfaltung die Gegenform zum Abdruck war – aber sie bleibt im Verborgenen. So hat er keine klare Vorstellung davon, wie das Relief der Faltung aussieht, wie erhaben, wie fein- oder grobgliedrig es ist oder wie es gefaltet wurde. Er sieht nur eine Spur von ihr. Obwohl die Faltung eins zu eins und spiegelrichtig übertragen wird und die Frottage die feinsten Erhebungen der Gegenform wiedergibt, so bleibt doch das daraus entstandene Bild unbestimmt. Man erahnt vielleicht eine Faltung als Ursprung, man erkennt sie aber nicht. Eine weitere Verfremdung geschieht durch Überlagerung von Drucken. Der einzelne Druck fügt sich ein in das Bildraster und seine Linien und Achsen verschmelzen zu einem großen zusammenhängenden ornamentalen Geflecht. Die übertragene Form der Faltung wird als Druck anders gedeutet, sie erfährt eine Verwandlung und eine Überführung in eine andere Dimension.

 
• Durch den Prozess des Abdrucks ergibt sich ein spannender Denkraum zu den Schriften von Georges Didi-Huberman und seinem Buch Ähnlichkeit und Berührung; Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks. „Ist der Prozeß des Abdrucks die Berührung mit dem Ursprung oder der Verlust des Ursprungs? Bekundet er die Authentizität der Präsenz (als Prozeß der Berührung) oder im Gegenteil den Verlust der Einzigartigkeit, der sich aus der in ihm angelegten Möglichkeit der Reproduktion ergibt? Erzeugt er das Einmalige oder das vielfach Verstreute? Das Auratische oder das Serielle? Das Ähnliche oder das Unähnliche? Die Identität oder das Unidentifizierbare? Die Entscheidung oder den Zufall? Den Wunsch oder die Trauer? Die Form oder das Formlose? Das Gleiche oder das Veränderte? Das Vertraute oder das Fremde? Die Berührung oder die Distanz? … Ich denke, dass der Abdruck das >>dialektische Bild<<, das Aufrühren all dessen ist: etwas, das uns ebenso die Berührung anzeigt (der Fuß, der sich in den Sand eindrückt) wie den Verlust (die Abwesenheit des Fußes in seinem Abdruck), das uns ebenso die Berührung des Verlusts anzeigt wie den Verlust der Berührung.“ 1

• Ich lasse den Abdruck und den Zufall für mich arbeiten. Ich lege die Bedingungen fest, unter denen jeder einzelne Druck entsteht. Ich bestimme die Faltung, die Intensität und Pastosität der Farbe, die Art des Papiers und mit welcher Geste ich die Abreibung mache und wie oft ich darüber hinweg rolle. Doch das eigentliche Verfahren passiert im Verborgenen. Die entstehende Form ist nicht >ein-sehbar< und dadurch auch nicht >vorher-sehbar<. Sie behält dadurch etwas Unbestimmtes und Offenes. Und die Bedingungen unter denen jeder einzelne Druck entsteht sind nie gleich. So ist der Zufall stets ein Teil des Entstehungsprozesses. Jeder Druck ist einmalig.

 

 

 

 

 

 

DISSONANZ • Die ornamentalen Strukturen in meinen Bildern bilden kein homogenes Gleichmaß, sondern weisen leichte bis erhebliche Dissonanzen auf. Durch das manuelle Arbeiten entsteht kein exakter Rapport und auch beim Frottagedruck ist nicht jeder Abdruck exakt gleich. Es entsteht ein leichtes Flimmern und Rauschen, eine Dissonanz zwischen den Drucken. Das Druckbild wirkt unruhig, bewegt und belebt. Dieses Flimmern oder Rauschen lässt sich bewusst steigern, indem man viele Akzente auf das Blatt verstreut setzt. Das menschliche Auge ist darauf fixiert, in einem Gleichmaß, wie das Ornament eines ist, die >Fehlstellen< herauszufinden und irrt zwischen diesen Irritationen hin und her. Umgekehrt lässt sich das Bild beruhigen, indem man eine konzentrierte Form im Bild setzt, auf welcher sich der Blick ausruhen kann.

 

 

 

 

 

 

ERSCHEINUNG • Um Licht zu sehen, bedarf es, dass die für unser Auge unsichtbaren Lichtwellen auf Materie treffen, von welcher sie reflektiert werden und für uns als Licht in Erscheinung treten. Licht tritt in >Erscheinung< und durch die Beleuchtung tritt die beschienene Form in >Erscheinung<. In meinen Bildern ist Licht viel mehr als nur Hell und Dunkel. Meine Bilder sind eher Darstellungen von Licht und von Lichterscheinungen.

 
• Durch starke Kontraste von Hell und Dunkel zeichnen sich in meinen Bildern Formen ab. Mal sind sie mit einer scharfen Kontur umrandet, wirken beschienen und entwickeln eine starke Illusion von Körperlichkeit. Mal kristallisiert sich aus einer Fläche eine Form heraus, welche von sich aus zu leuchten scheint. Die Formen haben eine eigenwillige Präsenz. Zwischen meinen Frottageserien I – III gibt es inhaltliche Unterscheidungen.

 
• In Serie I ist auf dem Blatt Papier ein quadratisches Feld mit einer ornamentalen Struktur bedruckt. Das Bild kann man jeweils über den Bildrand hinaus weiterdenken. Es wirkt wie ein Fenster, welches uns einen Ausschnitt einer unendlichen Landschaft zeigt. Dabei ist unklar, ob der gezeigte Ausschnitt eine Vergrößerung oder eine Verkleinerung der Realität oder einer Fiktion ist Es gibt keinen Maßstab. Aus der Fläche bildet sich eine Form heraus, welche unspezifisch, offen und vage ist. Sie ist mehrdeutig und erscheint wandelbar. Ihr Zustand ist völlig unklar. Ist es im Erscheinen oder im Vergehen? Das, was wir im Moment sehen, scheint aus sich selbst heraus zu leuchten - ohne ersichtliche Quelle. Es erscheint flüchtig, leicht, amorph zu sein wie eine Wolke oder wie Nebel und durch seine Unbestimmtheit wird es zu etwas Transzendenten und Metaphysischen. Es ist präsent.

 
• In Serie II ist eine ornamental bedruckte Fläche durch eine organische Umrisslinie scharf vom restlichen Blatt abgegrenzt und bildet eine geschlossene Form. Durch die klar umrissene Körperkontur wirkt sie starr, fest und unveränderbar und bekommt dadurch etwas Bestimmbares. Assoziationen wie Stein, Kristall, Versteinerung und Asteroid sind möglich. Doch durch die geometrische, anorganisch erscheinende Oberflächenstruktur behält die Form etwas Unspezifisches und Offenes. Eine zur Form entgegengesetzte Leichtigkeit entsteht durch das transparente Papier, auf dem der Körper zu schweben scheint oder sich wie im Blatt #8, Serie II im freien Fall befindet. Die erscheinenden Formen haben eine starke Körperlichkeit und Präsenz. Sie erscheinen aus kristallisierter Materie zu bestehen, die hart und scharfkantig ist und auf dessen glatter Oberfläche sich das Licht bricht. An anderen Stellen wiederum wirkt das Material, da das Weiß des Blattes hindurchschimmert und der Körper von Licht durchstrahlt scheint, opak und transparent.

 
• In Serie III, #1 ist eine rechteckige Fläche mit einer ornamentalen Struktur bedruckt. Die Formen wirken stark konstruiert und sind vertikal gespiegelt. Eine dunkle Umrahmung begrenzt die Bildfläche. Die gedruckten Strukturen wirken wie ein dichtes Gewebe oder wie ein Raster aus kleinen gläsernen Mosaiksteinen. Das Licht wirkt durch das Material hindurch zu scheinen sodass ein Strahlen vom Bild ausgeht. Besonderns die hellen Bildelemente scheinen aus dem Bild herauszutreten und der helle Mittelstreifen erscheint schon fast davor zu schweben.

 

 

 

 

 

 

FALTUNG • Meine Arbeit beginnt bei der Materie, bei dem Papierobjekt. Die Faltung ist nicht beliebig, sondern wird systematisch entwickelt. Dabei verfüge ich über einen Bestand von 8 verschiedenen Formen. Die Konstruktion und Faltung ist ein elementarer Bestandteil meines Arbeitsprozesses, ohne dass die Faltung selbst Bestandteil der fertigen Arbeit ist. Sie dient als materielle Vorraussetzung. Durch die Frottage passiert eine Überführung von Materie zum Abbild. „Aus der Materie gewinnen wir Informationen, Strukturen, Gedanken und Vorstellungen, die sich wiederum in ein anderes Material einschreiben.“ 2 Besonders anschaulich würde es bei einer Frottage von Holz werden. Jeder würde das Abbild des daraus entstandenen Strukturengeflechts als Holzmaserung lesen können.


• Die Faltungen basieren auf der Grundform des Origami, welche ich als Ausgangspunkt meiner Formfindung benutze. Diese sowie das Ornament basiert auf den Gesetzen der Geometrie, daher können die Faltungen als Grundbausteine für die Entwicklung von Ornamenten dienen.

 

 

 

 

 

 

KONTEMPLATION • Kontemplation ist eine „schauende Versunkenheit“ 3, „ein konzentriert- beschauliches Nachdenken und geistiges Sichversenken in etwas“ 4. Meine Frottagen „haben einen kontemplativen Charakter“ 5. Meine Bilder werden als ruhig, klar, geordnet, beruhigend und still beschrieben.

 
• Das Einzelne löst sich im Ganzen. Die formal klare Oberfläche gerät ins Flimmern, Ruhe und Unruhe sind sich nah. Wie durch ein Fenster schaut man in tiefes Feld. Das Bild hinter dem Bild sehen. Das Ornament entschlüsseln.


• Inspirierend finde ich die Arbeiten und Schriften von Agnes Martin. „Meine Bilder haben weder Gegenstand noch Raum noch Linien oder etwas anderes – keine Formen. Sie sind Licht, Lichtheit, sie handeln vom Verschmelzen, von Formlosigkeit, vom Auflösen der Form. Vor dem Ozean würdest du nicht an Form denken. Du kannst in ihn hineintreten, wenn dir nichts entgegentritt. Eine Welt ohne Gegenstände, ohne Unterbrechung – ein Werk schaffen ohne Unterbrechung und Hindernis. Es bedeutet, die Notwendigkeit zu akzeptieren, einfach und direkt in das Gesichtsfeld hineinzutreten, so wie du einen leeren Strand überqueren würdest, um den Ozean zu betrachten.“ 6

 

 

 

 

 

 

LICHT UND SCHATTEN • Meine Bilder sind Darstellungen von Licht. Licht fasziniert mich – seine unterschiedlichen Charaktere, Temperaturen, Wechselspiele und Erscheinungen. Es kann hell, grell, fahl, diffus, schmerzhaft, aggressiv, weich, ruhig, sanft, matt, kalt oder warm, farbig oder weiß sein. Es erscheint als Glimmern, Glitzern, Leuchten, Strahlen, Glühen, Flimmern, Flirren, Scheinen, Schimmern und Glänzen. Es erschafft Schatten, welche alle Nuancen von Grautönen innehaben, umrandet von weichen, harten oder gebrochenen Kanten. Mich interessieren die Kontraste und Verläufe von Licht und Schatten, seine Projektionen, Strukturen und Texturen, welche durch Reflexion auf Oberflächen entstehen und in Transparenz übergehen.

 
• „Licht im Bild ist viel mehr als reine Helligkeit. Erst die Schatten, der Wechsel aus Hell und Dunkel, gestalten es, schaffen Raum und Atmosphäre. Die Beleuchtung bestimmt, was gesehen wird und was verborgen bleibt – und was erahnt werden kann. […] Der spezifische Charakter des Lichts im Bild entscheidet darüber, wie wir ein Motiv wahrnehmen: als überschaubar und deutlich, als geheimnisvoll und aufregend, als schmeichelnd oder aggressiv.“ 7

 
• „Ist das Licht unterwegs, macht es sich unsichtbar, die Lichtwellen selbst sind für das Auge nicht zu sehen. Erst wenn es irgendwo auf Materie trifft, auf Staubkörnchen, den Mond oder die Erdoberfläche, wird es von dort reflektiert und tritt wieder in Erscheinung.“ 8 Um Licht zu sehen muss eine Berührung vorweg gegangen sein. Auch bei der Frottage wird erst durch die Berührung von Faltung, Papier und Farbe die im Verborgenen liegende Faltung sichtbar. Und sowie wir nur einen Teil der elektromagnetischen Strahlen als Licht mit unserem Auge sehen können, so offenbart uns die Frottage auch nur die Konturen der Faltung, nicht aber ihre ganze Erscheinung. Die Faltung bleibt abwesend, so wie die Sonne als natürliche Lichtquelle für uns nicht mit bloßem Auge sichtbar ist und in ungreifbarer Ferne liegt.

 
• Sonnenlicht ist ein natürliches Phänomen, welches unsere Umgebung erleuchtet und sichtbar macht. Wiederum braucht Licht Dunkelheit um sichtbar zu sein. Die Alltäglichkeit, Flüchtigkeit und Immaterialität von Licht und Schatten ist für mich ein spannendes Bildmotiv.

 
• Durch unterschiedlich starken Farbauftrag kann ich die Transparenz und Helligkeit jedes einzelnen Drucks steuern. Das Spekt
rum reicht von weichen Verläufen vieler Nuancen von Grau bis hin zu deckendem, kontrastreichem Schwarz. Durch transparenten Farbauftrag mischen sich optisch mehrere übereinander liegende Farbschichten. Jede weitere Schicht macht die Farbtöne dunkler und deckender sodass ich damit auch die Helligkeit steuern kann. Immer bleiben auch kleine Stellen vom Papier unbedruckt und stechen leuchtend aus dem Druck heraus. Die Frottagen erscheinen von hinten beleuchtet zu sein; ein kühles und tiefes Leuchten geht von ihnen aus. Durch den transparenten Farbauftrag dringt das Licht durch die Farbe hindurch und wird vom weißen Papier reflektiert. Die punktuell weiß gebliebenen Papierstellen verstärken dieses Strahlen noch. Auch die Verwendung von Transparentpapier begünstigt die Lichtdurchlässigkeit.

 
• Anhand des Oberflächenlichtes können wir vieles von den haptischen Eigenschaften von Materialien ablesen. Dieses Wissen haben wir im Laufe unseres Lebens gesammelt. So weiß jeder bei Betrachtung einer Glasscheibe oder von Seide oder Papier, wie sich die Oberfläche anfühlt und wie das Licht auf ihr reflektiert und gebrochen wird. Bei meinen Frottagen bekommt man einen Eindruck von der haptischen Oberflächenbeschaffenheit meiner dargestellten Strukturen. Grundlegende Eigenschaften der Faltung werden durch die Frottagetechnik übertragen. Eine glatte Oberfläche, Scharfkantigkeit und geometrische Formbarkeit. Die entstehenden Texturen werden oft als Papier, textiles Gewebe oder als Glas gedeutet.

 
• Schatten hat die Eigenschaft, eine plastische Form in eine zweidimensionale Fläche zu komprimieren. Anhand der Schattenkonturen kann man den Schatten werfenden Körper erkennen und deuten. Ähnliches passiert auch bei der Frottage. Auch hier ist die Körperlichkeit der Faltung elementar. Eine plastische Form wird durch ein Abdruckverfahren in eine zweidimensionale Fläche überführt. Das so erzeugte Bild wirkt wie eine Spur, wie ein Schatten seines Ursprungs. Die Konturen und Falze der Faltung haben sich deutlich auf dem Papier abgedrückt. Zudem wird der Schatten technisch als Enthüllungsmittel eingesetzt wie beim Röntgen oder auch bei der Fotografie, was nichts anderes ist als eine Fixierung von Schatten. Auch hier sehe ich Parallelen zur Frottage, welche die verborgene Faltung unter dem Blatt Papier enthüllt und festhält.


• Bei Serie II grenze ich eine Fläche mit einer organischen Umrisslinie ein. Durch Farbverläufe, modellieren von Körperschatten und durch Konstruktion von Schlagschatten bekommen diese unbenannten Formen eine starke Körperhaftigkeit.

 

 

 

 

 

 

MANUELL • Ich erarbeite die Bilder per Hand - nichts an ihnen ist computergeneriert oder maschinell verfertigt. Aber genau das ist oft der erste Eindruck von Rezipienten. Die Blätter erscheinen auf den ersten Blick sehr technisch und exakt angefertigt zu sein und auch die Herstellungstechnik ist für die meisten Betrachter nicht ersichtlich. Die Frottage als Drucktechnik ist oft unbekannt. Die Bilder haben zu Beginn etwas Geheimnisvolles.


• Bei genauerer Betrachtung kann man Ungenauigkeiten, Unstimmigkeiten im Rapport bis hin zu Fingerabdrücken finden. Doch dabei spreche ich nicht von Fehlern im eigentlichen Sinn, sondern vielmehr von Spuren meiner Geste.  (Auch Fehler können mir natürlich unterlaufen, das müssen in meiner Definition Fehlstellen sein, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und damit das Gesamtgefüge des Druckbildes zerstören.)


• Ich verfolge beim Drucken eine Bildidee, die sich aber beim Prozess der Bildfindung wandelt. Es ist ein Prozess mit offenem Ausgang. Druck für Druck baue ich langsam das Bild auf. Aus mehreren tausend Drucken kann ein Bild bestehen, jeder einzelne Druck wird bewusst gesetzt. Daher ist es für mich besonders entscheidend, manuell zu arbeiten.

 

 

 

 

 

 

OPERATIONSKETTE • Zu Beginn meiner Arbeit an den Frottagen musste ich grundlegende Erfahrungen mit der Technik Frottage, mit der Faltung und der Entwicklung eines Ornaments sammeln. Da es für diese Arbeitsweise keine Anleitung gibt, musste ich anfänglich sehr didaktisch vorgehen. Eine Vielzahl von Faktoren stehen in Beziehung zueinander. Zum einen wären da die Materialeigenschaften zu nennen. Bei der Farbe entscheidet Pastosität, Deckkraft, chemische Zusammensetzung und Farbtemperatur über das Druckergebnis. Bei der Wahl des Trägerpapiers entscheidet seine Grammatur, seine Oberflächenstruktur und Lichtdurchlässigkeit. Aber auch die verwendete Grammatur für die Faltung ist ein entscheidender Faktor. Die Entwicklung der Faltung folgt einem System mit scheinbar unendlichen Variationsmöglichkeiten. Welches Faltenzu-sammenspiel erzeugt welches Abbild? Wie stark darf das Papierrelief sein, damit all seine Ebenen beim Druck erfasst werden können? Welcher Rapport ergibt welche ornamentalen Strukturen? Welche Drucküberlagerungen ergeben welche ornamentalen Verkettungen? Auch da scheint es unendlich viele Variationsmöglichkeiten zu geben. Und zuletzt entscheidet meine Geste über das Druckergebnis mit. All dies ergibt ein dynamisches System, eines Zusammenwirkens zwischen Geste, Technik, Materie, Werkzeug und Sprache.

 

 

 

 

 

 

ORNAMENT • Das Ornament entsteht durch den Abrieb einer Papierfaltung. Beim Konstruieren der Faltung ist es für mich sehr schwer vorauszusehen, wie das resultierende Druckbild erscheinen wird. Noch unübersichtlicher ist die Vorstellung von Drucküberlagerungen, Spiegelungen und Drehungen. Die Ergebnisse sind für mich stets unvorhersehbar und überraschend. Erst beim Drucken eines Rapports offenbart sich das Bild. Wie bei der Frottage selbst, die erst durch den Abrieb mit Farbe erscheint, kristallisiert sich das Ornament heraus. Es breitet sich auf dem Blatt von Druck zu Druck aus, wie ein Netzwerk, wie ein selbstorganisierter Organismus. Das Ornament hat etwas Lebendiges für mich. Erst im großen Zusammenhang zeigt sich das Potential der verschiedenen Variationen von Ornamenten, ob sie über sich selbst hinaus zu verweisen vermögen oder nur ein bloßer Rapport der immer gleichen Form sind. Aus meinen vielen Studien selektiere ich die Ornamente heraus, welche durch Aneinaderreihung und Schichtung zu größeren Zusammenhängen verschmelzen, Zwischenformen bilden, eine Räumlichkeit entwickeln und lebendige Strukturen formen. Es gibt viele Variablen bei der Faltung und bei

der Druckanordnung, die das Ornament bestimmen und eine unüberschaubare Fülle an Kombinationen darstellen. Es fasziniert mich, mit welchen kleinen Interventionen man das Druckbild verändern kann und wie verschieden die Resultate und ihre Erscheinungen sind. Die Grenzen des Ornaments werden gesetzt durch das Material, die Gesetze der Geometrie und durch die Begrenztheit des menschlichen Denkens.

 

 

 

 

 

 

PAPIER • Ich habe vor Beginn meines Studiums eine Ausbildung zur Holzbildhauerin absolviert. Ich war es gewohnt, mit massiven Materialien wie Holz, Stein, Gips, Ton und Beton zu arbeiten. Während meines Studiums habe ich fast kein einziges Mal wieder eines dieser Materialien verwendet. Ich verbinde mit ihnen die Eigenschaften schwer, massiv, beständig, fest, unbeweglich und konstant. Ich habe während meines Studiums vorrangig mit Papier gearbeitet und verfolgte einen bildhauerischen Ansatz. An Papier schätze ich, dass es mich unabhängig macht. Ich benötige keinen spezifischen Arbeitsplatz, wenig Raum um es zu lagern, es ist leicht, preiswert, überall erhältlich und man kann es manuell bearbeiten. Die Alltäglichkeit, Wandelbarkeit, Beweglichkeit und Unbeständigkeit von Papier finde ich inhaltlich spannend.

 

 

 

 

 

 

PERMUTATION • Es gibt bei der Betrachtung der Frottagen eine Permutation unserer Wahrnehmung und Vorstellung, wie wir das Abgebildete sehen und deuten. Dabei öffnet sich ein spannender Denkraum zwischen Chaos versus Ordnung, geometrisch versus organisch, Mikrokosmos versus Makrokosmos, Endlichkeit versus Unendlichkeit, Zweidimensionalität versus Dreidimensionalität.






STANDPUNKT • Als Betrachter der Frottagen ist man hin und hergerissen zwischen nah Herantreten wollen, um die kleinen Details des Druckes zu betrachten und zwischen dem Wunsch nach Abstand und Überschaubarkeit. Bei großem Abstand betrachtet verschmelzen die einzelnen Drucke zu organischen Strukturen und größeren Zusammenhängen – bei großer Nähe sind die vielen Details ein unüberschaubares Chaos. Zwischen diesen beiden Wahrnehmungen gibt es einen „Brennpunkt“, ein Dazwischen, ein Flimmern und Rauschen, eine Dissonanz, eine große Unruhe. Der Rezipient befindet sich in Bewegung und sucht seinen Standpunkt zum Bild.

 

 

 

 

 


SYSTEM UND ORDNUNG • Die Entwicklung meiner Arbeit basiert auf zwei Systemen – Faltung und Ornament. Beide Elemente unterliegen den Gesetzmäßigkeiten der Geometrie, welche sie hervorbringt und zugleich begrenzt. Bei der Faltung verwende ich die Grundform des Origami, die ich zu Variationen abwandle. Ich lege von meinen Ergebnissen eine morphologische Sammlung an und nummeriere sie durch. Bei der Entwicklung von Ornamenten variiere ich die Anordnung der Faltung durch Translation, Spiegelung, Reflexion, Drehspiegelung und Gleitspiegelung. Zudem kommen mehrschichtige Überlagerungen von Drucken als Kombinationsmöglichkeiten hinzu. Meine Versuchsanordnungen beschrifte ich mit Symbolen, welche für mich den Druckablauf dokumentieren. Auch diese Studien dienen mir als morphologische Sammlung. Die fertigen Frottagearbeiten bezeichne ich mit einer Herstellungsnummer und einer Seriennummer. Bisher sind drei Serien entstanden, welche sich in der Art ihres Bildaufbaus thematisch voneinander unterscheiden.

 
• Ich habe ein Regelwerk erarbeitet. Ich grenze mich ein, um mich darin zu entfalten. Dadurch erhoffe ich mir eine größere Durchdringung, Konzentration und Auseinandersetzung mit meiner Arbeit.

• Meine Arbeitsweise und auch die Führung meiner Aufzeichnungen und meines Arbeitsplatzes werden mit den Worten systematisch, strukturiert, ordentlich, diszipliniert, bedächtig, sorgfältig, akkurat und erstaunlich umschrieben. Ordnung und Struktur sind mir ein innerliches Bedürfnis. Dies setzt meine Arbeit voraus und es bedingt sie zugleich.

 

 

 


 

 

ÜBERFÜHRUNG • Ein Blatt Papier wird durch Faltung zu einem räumlichen Objekt und dieses Objekt wird mittels der Frottage zurückgeführt zu einem Blatt Papier. Der Abrieb seiner reliefartigen Oberfläche eröffnet auf dem Trägerpapier eine Illusion von Räumlichkeit. Mein Spiel ist der Wechsel zwischen den Dimensionen, „zwischen Materialität und Immaterialität, Gegebenem und Imaginärem, Körperlichkeit und Erinnerung“ 9. Das Papier dient dabei als Medium – es ist Objekt und Bildträger, Ausgangs- und Endpunkt der Transformation.

 

 

 

 

 

 

ZEIT • Zeit ist ein spürbarer Aspekt meiner Arbeit, so als wären die Bilder aufgeladen worden mit Zeit. Je mehr Drucke ich auf ein Blatt setze, umso schwerer, dunkler und ausdifferenzierter wir das Bild. Die vergangene Zeit wird ablesbar.


• Meine Frottagen sind sehr zeitaufwändig. Aus bis zu 3000 Einzeldrucken kann ein einziges Bild bestehen. Dabei vollziehe ich immer wieder die gleichen Handgriffe, drucke dieselbe Faltung immer und immer wieder ab. Zelle für Zelle, Pixel um Pixel baue ich das Bild auf. Dazwischen trete ich oft zurück und schaue. Ich benötige für meine Arbeit viel Zeit, Geduld, Ruhe, Konzentration und Versenkung in Akribie.


• Die erste Frottage entstand 2012. Seit dem arbeite ich ausschließlich in dieser Art und Weise. Drei verschiedene Serien sind seit dem entstanden und noch immer habe ich das Gefühl, erst am Anfang zu stehen. Die Geduld und Zuversicht an dieser Arbeitsweise festzuhalten bringe ich auf, da ich auf der Suche bin, angetrieben bin von Neugier und neuen Ideen und davon, dass mich die bisherigen Arbeiten nicht restlos zufrieden stellen.

 

 


 

1 Didi-Hubermann, Georges: Ähnlichkeit und Berührung. Archäologie, Anachronismus und Modernität des Abdrucks, Köln 1999, Seite 10

 


2 Tóth,Csaba János: elementar, Rede vom 15.08.2014

 


3 Prof. Dr. Drosdowski, Günther / Dr. Scholze-Stubenrecht, Werner / Dr. Wermke, Matthas: Duden. Die deutsche Rechtschreibung, Mannheim 199120, Seite 411

 


4http://www.duden.de/rechtschreibung/Kontemplation(22.09.2015)

 


5 Tóth,Csaba János: elementar, Rede vom 15.08.2014

 


6 Martin, Agnes: Writings. Schriften, Ostfildern 19925, Seite 11

 


7 Boerboom, Peter / Proetel, Tim: Licht. Illusion aus Hell und Dunkel.Wie kommt das Licht in die Zeichnung?, Bern 2014, Seite 7

 


8 Boerboom, Peter / Proetel, Tim: Licht. Illusion aus Hell und Dunkel. Wie kommt das Licht in die Zeichnung?, Bern 2014, Seite 8

 


9 Tóth,Csaba János: elementar, Rede vom 15.08.2014